"Der Brudermörder" - ein Kriminalfall in Borgloh

Jürgen Berstermann erschlug 1783 seinen Bruder Bals. Bals war mein Obergroßvater (IX 256). Jürgen war der Urgroßvater der Auswanderer Henry, Bernard und Fred Bergsterman.

Das Opfer: Bals Berstermann
Taufname: Balthasar Heinrich Berstermann (Bergstermann)
Beruf: Bauer
geb. 29. Dez. 1738 [Quelle], beerdigt 2. Sep. 1783 [Quelle]

Der Täter: Jürgen Berstermann
Taufname: Georg Heinrich Berstermann (Bergstermann)
Beruf: Untervogt, Bauer
geb. 9. Okt. 1840 [Quelle], gest. 6. Feb. 1808 [Quelle]

Am 31. August 1783 ging der Untervogt Jürgen Berstermann gegen 5 Uhr Nachmittags zum zweiten Mal an diesem Tag zu Gastwirt Brune in Borgloh. Dort traf er auf seinen Bruder Bals und setzte sich zu ihm. Kurz darauf entfachte ein Streit zwischen den Brüdern. Als Bals ihn als schlechten Kerl und "Hundsfott" beschimpfte, schlug Jürgen mit einer eisernen Feuerzange zu, die er gerade in der Hand hielt. Bals erlitt drei Schläge auf den Kopf. Jürgen wurde von dem Wirt, dem Bauern Hekenkamp und den Brüdern Friedrich und Henrich Laudiek entwaffnet und aus dem Haus gejagt. Danach kümmerten sie sich um Bals.

Bals blutete und die Anwesenden versuchten, diese Blutung mit Branntwein zu stillen, was ihnen nach etwa einer Viertelstunde gelang. Bals blieb noch bis etwa 7 oder 8 Uhr im Wirtshaus, trank Bier, rauchte und schien soweit in Ordnung zu sein. Als er schließlich zur Tür ging, bemerkte der Wirt bereits, dass Bals strauchelte, aber Bals bestand darauf, nach Hause zu gehen.

Auf dem Weg wurde er müde und legte sich auf die Straße. Dort fanden ihn Clemens Schopf (ein Nachbar des Wirtes) und der Vikar Bitter. Sie hielten ihn für betrunken, setzten ihn an den Straßenrand und rieten ihm, nach Hause zu gehen. Dann gingen sie ihres Weges. Gegen 10 Uhr finden ihn Clemens Schopf und der Wirt Brune an derselben Stelle tot auf.

Laut Obduktionsbericht war er an einer Gehirnerschütterung und einer Einblutung gestorben. Die obduzierenden Ärzte argumentierten bei der Gerichtsverhandlung, dass Bals wohl nicht gestorben wäre, wenn die Blutung nicht gestillt worden wäre. 

Die Anklage forderte Folter bis zum Geständnis und den Tod durch das Schwert. Die Verteidigung forderte die sofortige Freilassung des bereits seit einem Jahr in Haft sitzenden Angeklagten. Jürgen wurde wegen Totschlags zu fünf Jahren Haft verurteilt. 

Bals hinterließ seine Frau Anna Maria geb. Bünger und fünf Kinder im Alter von 4 bis 17 Jahren. Jürgens Frau Elisabeth Maria geb. Wichmann hatte nach seiner Verhaftung ihre liebe Not, sich und ihre fünf lebenden Kinder (4 bis 18 Jahre) zu versorgen. Ihr jüngstes Kind starb 1785 noch vor seinem 6. Geburtstag. Elisabeth Maria starb am 27. August 1790 mit 49 Jahren. Jürgen heiratete im März 1791 erneut.

Begriffsklärung für die Quellen: 
peinliches Gesetz - Strafgesetz
Inquisit - Angeklagter
Urtel - Urteil
Visum repertum - Obduktionsbericht
Tortur - Folter

Quellen:

Der Brudermörder, ein Kriminalfall im Osnabrükkischen,

enthaltend
die peinliche Anklage, das Visum repertum, Defensionsschrift und Urtel.

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Peinliche Anklage *)

ex Parte
Advocati Fisci
Contra
dem Untervogt Jürgen Berstermann.
pro Bruder-Mords.
præs. 12. Mart. 1784.

Hochwohl- und Wohlgeborne, Hochgebietende Herren!

Aus den bisherigen Inquisitions-Akten offenbaret sich numehro von dem angezeigten Brudermorde folgende Geschichte:

Am 31. August ann. præt. des Abends ohngefähr um 5 Uhr kömmt Inquisit Jürgen Berstermann zum zweitenmal nach des Wirths Brunen Hause, (ohngeachtet dieser ihm einige Stundden vorher wegen unnüzer Aufführung aus dem Hause gewiesen und selbigen angedeutet hatte, daß er ihm nicht wieder kommen möchte) sezet sich neben seinen Bruder Bals Berstermann dort ans Feuer; diese beide kommen zusammen in Wortstreit, und wie lezterer dem Inquisiten vorhält, daß er zwar sein Bruder, aber ein schlechter Kerl, ein Hundsfott sei, nimmt der Inquisit die zur Anzündung einer Pfeife in der Hand gehabte eiserne Feuerzange verkehrt, und hauet seinen Bruder damit dreimal, nämlich zweimal von oben und einmal von der Seite, auf den Kopf.

Der dabei gewesene Colonus Hekkenkamp ruft darauf - O Jesus! o Jesus! düt will sin lebe nich dügen; wo dann der Wirth Brune aus der Stube springt, dem Inquisiten die Zange, womit er noch herum fechtet, aus der Hand reisset und ihn aus dem Hause wirft.

Wie der Balz Berstermann stark blutet und solches ohngefähr eine kleine Viertelstunde gedauert hat, waschen die Gebrüder Laudiek demselben den Kopf mit Brantewein und bemerken, daß er zwei Löcher am Kopfe habe.

Er trinket darauf noch einige Gläser Bier, erhandelt noch einige Waaren, und gehet zwischen sieben und acht Uhr aus Brunen Hause, wobei der Wirth doch bemerket, daß er strauchelt, und wie jener ihn fragt, wie solches komme, so antwortet er nichts weiter, als: er wolle den Fertinant Jütting rufen, der ihn nach Hause bringen solle.

Beim Dunkelwerden (welches also gleich nach der Entfernung desselben aus Brunen Hause gewesen sein muß) treffen ihn der Nachbar des Brunen, Clemens Schopf, und der Vikarius Bitter hinter des erstern Wohnung im Fahrwege liegend an, sezen ihn auf den darbei hervorgehenden höhern Fußweg, wo er denenselben eröfnet, daß sein Bruder ihn geschlagen habe; sie rathen ihn darauf sich nach Hause zu verfügen, und gehen, weil sie nichts Uebels an ihm bemerken, nach ihren Häusern.

Zwei Stunden nach dessen Entferntung aus Brunen Hause finden der Wirth Brune und sein Nachbar Clemens Schopf ihn auf derselben Stelle tod. Es wird darauf zwar ein Aderlaß an ihm, aber vergeblich, versucht.

Bei der unterm 4ten September gerichtlich vorgenommenen Section finden sich nach abgeschnittenen dikken Haaren in den Integumenten des Cranii über dem linken Osse bregmatis eine Wunde einen Zoll lang, unter diesen beiden Wunden im Pericranio eine Sugillation, und wie das Cranium abgesezt ist, so zeiget sich ein guter Eßlöffel voll oder eine Unze extravasirtes Geblüt über der Dura mater, aus welchen viele Blutgefäße in das Cranium gegangen, und die Vasa cerebri finden sich mit vielem Geblüte angefüllet, sonst aber an dem ganzen Körper keine Fehler noch Verlezung, woraus denn klar wird und auch vom Landphysicus und Landchirurgus attestiret ist, daß der Bals Berstermann von der durch die erhaltenen Schläge mit der Feuerzange verursachten grossen Concussione & Commotione cerebri, wodurch einige Blutgefässe die aus der Dura mater in das dikke Cranium gehen, zerrissen, und die bemeldete Extravasion gemachet, gestorben sei.

So gewis also das Corpus Delicti ist, so sehr ist es auch ausser allem Zweifel, daß Inquisit seinen Bruder, wo nicht animo directo, doch wenigstens animo indirecto & doloso ermordet habe. Denn

Erstlich haben die Gebrüder Friedrich und Henrich Laudiek, der Colonus Hekenkamp und der Wirth Brune die That selbst erst ad Protocollum vom 5ten September sub No. act. 3. und nachher ad Protocollum sub No. act. 6. art. 10, 11, 20, 24, seqq. eidlich bezeuget.

Zweitens ist Inquisit aus den Akten bereits als ein schlechter und gefährlicher Kerl bekannt, von dem der Wirth Brune deponiret hat, daß er ihn, Inquisiten, beständig als einen gefährlichen Kerl gescheuet habe, weil er seinem andern Bruder den Arm entzwei geschlagen, und weil man ihn nicht gut wieder loß werden könne, wenn er sich einmal im Wirthshause zum Drinken niedergesezet habe.
Vid. Protocoll. sub No. act. 3. pag. 2. & 15. Confess. Inquisiti ad Protocoll. sub No. act 6, art. 5.
Attestat. Amtmannor. praes. d. 14. Febr. a. c.

Er ist also ohnstreitig ein überaus rachgieriger Kerl, zu dem man sich wohl einer Uebelthat von der begangenen Art versehen kann.

Drittens hat er offenbar in re maxime illicita versiret. Denn gesezt, sein erschlagener Bruder hätte nach Aussage der Zeugen den vorhergegangenen Wortstreit zuerst angefangen, hätte zuerst geschimpfet, so konnte Inquisit die Schimpfreden retorquiren oder zur Rettung seiner vermeintlichen Ehre klagen, und hatte känntlich dieserwegen keine Befugniß zu Thätlichkeiten zu schreiten. Indessen glaubt man diesseits gar nicht, daß der Erschlagene den Wortstreit angefangen habe. Denn der Wirth Brune, bei dem er immer des Sonntags nach der Kirche eingekehret ist, der ihn also genau kennen muß, giebt ihm das Zeugniß: daß er immer ruhig gesessen, und an sich ein kurzweiliger Mann gewesen sei, so daß er kein Kind beleidiget hatte.
Vid. Protocoll. sub No. actor 6. art. 8.

Nur können die Gebrüder Laudieks und der Wirth Brune davon nichts gewisses deponiren, weil sie sich zusammen in der Stube aufgehalten, und zu der Zeit erst darauf zugekommen sind, wie der Verstorbene die Scheltworte ausgestossen hat.

Hingegen hat Colonus Hekenkamp, der schon vor Herannahung der Gebrüder Laudiek bei den Gebrüdern Berstermanns gewesen, eidlich ausgesagt:

"er wisse zwar nicht, was den Streit veranlasset habe, aber die beiden Brüder hätten wie gewöhnlich immer zusammen genarret, daher Deponent ihnen zugesprochen, sie sollten sich doch wie Brüder vertragen, und darauf hätte der Verstorbene angefangen zu schimpfen."
Vid. Protocoll. cit. art. 20. pag. 21.

Mithin müssen schon vor dem Herzutreten der Laudieks Wortstreitigkeiten vorgefallen sein, die den Erschlagenen zum Schimpfen bewogen haben, die aber der Colonus Hekenkamp, wegen seiner geständigten Harthörigkeit, wörtlich nicht bemerkt haben wird.

Viertens ist der Vorsaz des Inquisiten, den Erschlagenen zu verlezen, dahier völlig durch die That klar. Denn der Bösewicht hat nach aller Zeugen Aussage die eiserne Feuerzange, welche er erst ordentlich in der Hnd gehabt, unten beim spitzen Ende angefasset, und so seinen Bruder mit der völligen Schwere derselben, nicht einmal - sondern drei bis vier mal, erst von oben und nachher von der Seite, auf den Kopf geschlagen, bis man ihn die Zange aus den Händen gerissen hat.

Fünftens war die eiserne 2 Pfund 10 Loth schwere Zange ein Instrumentum lethiferum, und die That so beschaffen, daß ein jeder, der gesunden Menschenverstand hat, daraus urtheilen kann, daß sie leicht lethal werden, oder den Tod für sich allein wirken könne.

Diese hier eintretenden Requista machen, daß Inquisit als ein vorseztlicher Todtschläger angesehen werden und als ein solcher mit der Todesstrafe belegt werden muß. Denn aus dem Gebrauche eines tödlichen Werkzeuges offenbaret sich der Vorsaz zu töden auf das zuverläßigste.

Wenn jemand den andern unerlaubter Weise feindlich, und mit dem Vorsaze ihn zu verlezen, mit einem tödtlichen Gewehr auf solche Art überfällt, daß daraus leicht eine Entleibung erfolgen kann, und solche daraus wirklich erfolget, so williget er eo ipso in die Entleibung, fortan in alles dasjenige, was aus der That unmittelbar entsteht; seine Ausflucht des ermangelten Vorsazes zu töden bleibt immer eine protestatio facto contraria. Qui enim vult antedecedens consequens quoque vult, non solum quod absolute necessarium, verum etiam quod facillime & communiter cum eo connexum esse solet & potest, licet aliud factum improbum principaliter in mente habuerit. Tum utique potius vitam quam mortem mavult, fed ideo non definit mortem velle, quem inde sequi solere sciebat, & quoad imputationem nihil interest, an homicidium animo occidendi puro, an eventuali committatur.
CARPZ. Pract. rer. crim. Quæst. I. nr. 30. seqq. & Quæst. IV. nr. 21. seqq.
MATHEI de Criminibus I. 48 tit. 5. nr 16.
BOEHMER ad CARPZOV. Quæst. I. Obs. 2. ejusdem Med. ad CCC. art. 137. §. 8.

Diesen Grundsaz schreiben auch die Geseze deutlich vor: nam ex re constituendus est animus occidendi, si enim gladium quis strinxerit & eo alterum percusserit, indubitate occidendi animo ille admisit.
L. 1. §. 3. ff. ad. leg. Cornel. de Siccar.
L. 38. §. 5. ff de poenia.

Hiermit stimmet nichts weniger die peiniche Gerichtsordnung überein, indem sie nicht nur überhaupt verordnet, daß derjenige, welcher einen Todschlag aus Jäheit und Zorn gethan, als ein vorsezlicher Todschläger mit dem Schwerdte vom Leben zum Tode gebracht werden solle;
Art. 137. CCC.
sondern auch alle, die einen andern mit tödlichen Waffen anfechten und überfallen, für solche, die den unmittelbaren oder mittelbaren Vorsaz zu töden haben, annimmt, und daher gegen sie eine Nothwehr verstattet;
Art. 140. 142. 143. 144. CCC.
insonderheit aber bei der, in einem plözlich entstandenen Streite, erfolgten Entleibung, demjenigen, durch dessen Streich der Tod erfolget ist, mit dem Tode zu bestrafen befiehlet.
Art. 148. & 137. CCC.

Letzteres ist hier der Fall! Der Herr Landphisikus und der Herr Landchirurgus haben, bei aller ihrer, leider! gewöhnlichen Nachsicht und Wünsche, ihre Attestata zum Vortheil der Todschläger einzurichten, bezeugen müssen, daß der Tod des Bals Berstermann durch die ihm von seinem Bruder versezten Streiche und dadurch verursachten grossen Concussion und Commotion des Gehirns, wodurch die Blutgefäße, die aus der Dura mater in das Cranium gehen, zerrissen, entstanden sei. Sie können auch nicht verabreden, daß dergleichen Commotiones cerebri immer höchst gefährlich und auch sehr oft tödlich sein, und daß sie in dem gegenwärtigen Falle tödlich gewesen sein, solches beweiset der einige Stunden nachher erfolgte Tod des Erschlagenen hinreichend. Ja, jenes kann um so weniger verabredet werden, weil die Extracasation einiger weniger Tropfen Blut in dem erschütterten Gehirn bekanntermassen sehr oft den Tod allein wirket, zu geschweigen den eine solche Concussion des Gehirns, wodurch eine ganze Unze (zwei Loth) extravisirtes Geblüt in selbiges gestossen ist.

So wenig man also bei dem gegenwärtigen Vorfalle die Frage: an vulnus absolute, an per se, an vero per accidens lethale fuerit, dahier zu untersuchen nöthig hat, so unbegreiflich ist es dem Advocato Fisci lezteres dafür halten zu wollen, und so sehr glaubt er, daß die bemeldeten Herren mehr durch Gutherzigkeit als duch richtige Grundsäze darzu verleitet sein. Ihre Ursachen, weswegen sie die That für zufällige Weise tödlich erklären, sind:

a) weil die Extravasation des Bluts über der Dura mater anfänglich nicht sehr groß gewesen sein soll, indem der Erschlagene nach den Schlägen noch einen Krug Bier getrunken, Tabak gerauchet, und vernünftig gewesen.

b) Weil die zu seinem Besten geblutete Wunde mit Asche und Brantewein gestillet, wodurch das extravasirte Geblüt unter dem Cranio vermehret und eine Stokung im Cerebro entstanden sei.

c) Weil kein Versuch zur Hülfe mit den Erschlagenen gemachet, er nicht zur Ader gelassen noch zur Trepanation geschritten sei.

Allein
ad a) lehret die Erfahrung, daß Concussiones vel Commotiones cerebri, wenn sie gleich in einem hohen Grade tödtlich sind, den Tod nicht immer gleich auf der Stelle, sondern oft viele Stunden nachher wirken, auch den Erschlagenen nicht immer gleich vom Verstande bringen; sondern oft füllen die zerrissenen zarten Blutgefässe die Kavitäten im Cranio nur tropfenweise, und bringen jene Wirkung nicht ehender hervor, bis die Hölungen, worinn das Blut pedetentim & latenter tröpfelt, angefüllt sind, da es alsdann erst, ohne einen Ausgang finden zu können, den Druk und die Stokung des Gehirns veranlasset.

Dies ist, nach dem eigenen Geständnisse des Herrn Landphisici, nothwendig auch hier der Fall. Man kann dieserwegen aber die per Commotionem vel Concussionem cerebri geschehene Zerreissung der Blutgefässe, wodurch jender Druk und die Stokung im Cerebro entstanden, um so weniger zufälliger Weise lethal nennen, da diese eine natürliche und nothwendige Folge jener war.

ad b) ist in facto unrichtig, daß die Wunde am Kopfe gleich mit Asche und Brantwein gestillet sei, sondern dieselbe hat, nach den Aussagen der Zeugen, beinahe eine viertel Stunde lang so geblutet, daß die Haare des Erschlagenen naß davon gewesen und das Blut auf der Erde gestanden. Gesezt es wäre auch gleich ein geschikter Chirurgus zugegen gewesen, so würde er doch die Wunde nicht länger als eine viertel Stunde bluten, noch ohnverbunden, noch zur Ader gelassen haben, zumal da sich während des Auffenthalts des Erschlagenen in Brunen Hause annoch keine Symptomata von einer inwendigen Velezung der Blutgefässe, die aus der Dura mater ins Cranium gehen, äusserten.

ad c) ist bekannt, daß man an dem Orte der Thätlichkeit keine Chirurgos habe, welche die ohnehin sehr misliche Trepanation verstehen; hiermit darf auch nicht ehender verfahren werden, bis man durch Symptomata von extravasirten Geblüte in den innern Theilen des Kopfes hinlänglich überzeuget ist. Da man nun an den Erschlagenen nicht ehender einen Schwindel bemerkte, bis des Abends um 8 Uhr, als er aus Brunen Hause ging; da er ferner um 10 Uhr schon ganz tod gefunden ist, wie war es denn noch möglich, in der Zwischenzeit einen Chirurgum herbei holen zu lassen und mit der Trepane die Rettung zu versuchen.

Gesezt aber, auch dies wäre möglich gewesen, so würde dennoch die durch Schläge verursachte Zerreissung der bemeldeten Blutgefässe über der Dura mater immer ein Vulnus per se, vel ut plurimum lethale, licet non absolute lethale bleiben, und den Todschläger von der ordentlichen Strafe nicht befreien können.

Was endlich die von ihm vorgeschüzte Trunkenheit anlanget, so kann ihn diese zu keiner Milderung der Strafe gereichen; weil aus den Aussagen des Wirths Brunen und der Gebrüder Laudieks, wie auch des Coloni Hekenkamp, zuverläßig erhellet, daß er nicht betrunken, wenigstens nicht so sehr betrunken gewesen, daß er nicht solte gewust haben, was er thue, und die Unrechtmäßigkeit seiner That einzusehen nicht im Stande gewesen sein.
Vid. Protocoll. sub No. act. 6. pag. 15. art. 13. & pag. 19. art. 25. nec non pag. 24. art. 25.
Protocoll. praes. d. 5. Febr. a. c. art. 25. & in fine.

Ja! Inquisit hat selbst angegeben, daß er des Nachmittags weiter nichts als in Brunen Hause etwa ein oder zwei Glaß (der Wirth behauptet höchstens nur ein Glaß) und in Bartolomäus Hause nur etwa ein Glaß Brantewein getrunken habe. Hiervon kann aber ein Kerl, der das Branteweintrinken so sehr gewohnt ist, wie er, unmöglich betrunken werden, und der Vorwand, daß solches von vielen Tobakrauchen gekommen, ist unerwiesen, wie auch eben so unwahrscheinlich, zumal da Inquisit, nach den angeblichen Tobakrauchen und Trinken in Brunen Hause, einige Stunden in freier Luft gewesen, und seine Bestellungen verrichtet hat.

Es ist daher offenbare Halsstarrigkeit und Lüge, daß er bei seiner zweiten Ankunft in Brunen Haus betrunken gewesen; daß er nicht wisse, was er dort gethan habe, daß er dort mit seinem Bruder Händel gehabt, selbigen geschlagen, und was zwischen ihnen dort vorgegangen sei.

Ewr. Hochwohl- und Wohlgeboren bittet Advocatur Fisci gehorsamst: diesen überführten Brudermörder vermittelst des höchsten Grades der Tortur zum Bekänntniß der Wahrheit, und wenn dieses erfolget, wegen seines Verbrechens, mit dem Schwerdt vom Leben zum Tode bringen zu lassen.
Desuper etc.

D. Advoc. Fisci Dr. Staffhorst, Conc.
J. G. W. Lengerke, Proc. Fisci, subscr.

*) Eine besondere Speciem Facti zu prämittiren ist unnöthig, weil man den ganzen Vorgang der Sache sowohl aus dieser peinlichen Anklage als aus dem Viso reperto leichtlich ersehen kann.

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Hochfürstlicher Canzelei-Bescheid.

Es wird in dieser Sache der Doctor August Wilhelm Meyer zum Defensore angeordnet, um für den Inquisiten die erforderliche Nothdurft zu beachten und demselben der Procurator Stute zugeordnet. Decretum in Consilio Osnabrük den 12ten Martii 1784.

Hartmann. Gruner.

Visum repertum.

praes. den 4ten Septbr. 1783.

Auf Befehl Hochfürstlicher Land- und Justizcanzlei haben wir Endes benannte uns gleich den 2ten Sept. a c. nach Borgloh begeben, und daselbst denselben Nachmittag 4 Uhr den am Zaune liegenden Körper des 44jährigen Bals Berstermann, der den 1. Septbr: Nachmittags 5 Uhr von seinem Bruder mit einer eisernen Feuerzange, die zwei Pfund 12 Loth wiegt, zwei Schläge bekommen auf den Kopf, da sie beide ziemlich Brantewein getrunken, und darauf Abends 10 Uhr auf der Strasse am Zaun gestorben, in Beisein des Herrn Gografen Dris Kramer und Actuarii Zumbrink, gehörig besichtiget und seciret, daran wir folgendes sowol äusserlich bemerket als innerlich befunden.

Nach entkleidetem Körper waren äusserlich keine Contusionen oder Wunden zu sehen, allein wie seine dikke Haare abgeschnitten, fanden wir

1) in den Integumenten des Cranii über dem linken Osse bregmatis eine Wunde einen Zoll lang, die bis auf das Pericranium ging, und

2) über dem rechten Osse bregmatis eine Wunde zwei und einen halben Zoll lang, die ebenfalls bis auf das Pericranium ging.

3) Nach separirten Integumenten des Cranii war im Pericranio unter diesen beiden Wunden eine kleine Sugillation.

4) Nach abgesezten sehr diken Cranio fanden wir einen guten Eßlöffel voll, oder eine Unze, extravasirtes Geblüt über der Dura mater, aus welcher auch viele Blutgefässe ins Cranium gingen.

5) Ueber der Dura mater war kein extravasatum auch keines in Cerebro noch dessen Ventriculis, wie auch keines in Cerebello und Fundo Cranii.

6) Die Vasa cerebri aber waren mit vielem Geblüte angefüllet.

7) Im Cranio selbst waren keine Fissuren noch Frakturen.

8) Nach geöfneten Abdomine waren alle Viscera darinn gut, der Magen und die Gedärme fast leer.

9) Nach geöfneten Thorace waren die Lungen voller Blut, sonsten ohne Fehler.

10) Im Herzen war der linke Ventriculus ganz leer vom Blute, der rechte Ventriculus aber war ganz voll Blut.

Was nun die Ursache dieses Todes, der 5 Stunden nach den empfangenen Schlägen auf den Kopf erfolgt, betrift; so halten wir dafür, daß derselbe denen No. 1. 2. bemerkten Wunden in den Integumenten des Cranii keinesweges zuzuschreiben, sondern der durch die zwei Schläge verursachten grossen Concussioni und Commotioni cerebri, wodurch einige Blutgefässe, die auch der Dura mater in das dike Cranium giengen, zerrissen und die No. 4. bemerkte Extravasation gemacht, die anfänglich gar nicht groß muß gewesen sein, weil er nach den empfangenen Schlägen, wie sie ihm die blutenden Wunden mit Brantewein und Asche gestillet, noch soll einen Krug Bier getrunken und Tobak gerauchet haben, allmählich aber über Schläfrigkeit geklagt, und allein noch auf der Strasse gegangen, und an den Zaun sich gelegt (da er noch lag) um auszuschlafen, welches ein kunstverständiger Chirurgus schon für eine üble Folge der Schläge würde gehalten und ihm die Gefahr angezeigt, auch nach der Kunst behandelt haben. Wie nun die zu seinem wahren Besten blutenden Wunden mit Brantewein und Asche gestopft, so ist dadurch dothwendig das extravasirte Geblüt unter dem Cranio vermehret, und durch den Druk desselben die Schläfrigkeit vergrössert und eine Stokung im Cerebro entstanden, zumal da er in der jezigen schon kühlen Abendluft wol mit entblössetem Kopfe einige Stunden gelegen, die Ergiessung des Geblüts und die Stokung im Cerebro endlich so groß geworden, daß die Circulation im Cerebro, nach der grossen Concussion, wodurch die zarten Blutgefässe und Nerven im Cerebro geschwächt und zulezt die Circulation in der Lungen und Herzen aufgehöret, wie die No. 10. bemerkten rechten und linken Ventriculi cordis deutlich beweisen, und so zulezt apoplektisch gestorben.

Wäre ein kunstverständiger Chirurgus nur dabei gewesen, der hätte, statt die Wunden zustopfen, sie recht ausbluten lassen, und noch dabei gleich eine starke Aderlaß vorgenommen, ihn in ein Haus gelegt, und gehörig in- und äußerlich behandelt, so würde er gewiß nicht so schleunig gestorben sein, und wenn sich die Zufälle vermehret, den folgenden Tag wieder Ader gelassen und nach den Umständen zur Trepanation geschritten, und die gehörigen Mittel weiter appliciret, so würde er noch wohl gerettet sein.

Ob wir gleich wohl wissen, daß dergleichen grosse Concussiones und Commotiones cerebri immer höchst gefährlich und nicht gering zu schätzen, auch sehr tödlich werden; so müssen wir doch in diesem Falle, aus obigen Gründen, da gar kein Versuch zur Hülfe mit ihm gemacht, sondern gar verkehrt behandelt worden, und erst bereits da er tod eine Aderlaß durch ein altes Weib ohne Wirkung versucht, diesen Tod für zufälliger Weise tödlich erklären, welches wir nach den Principiis veris scientiæ attestiren. Osnabrük den 4ten September 1783.

Wehrkamp, Dr. Landphisicus
Sergel, Landchirurgus

Reponatur Decr. a Cons. 6. Septbr. 1783

(Die Fortsetzung folgt.)

Aus: Leipziger Magazin für Rechtsgelehrte, herausgegeben von C. A. Günther und C. F. Otto. Dritter Band. Leipzig, 1786. S. 35ff

Die Fortsetzung:

Der Brudermörder, ein Kriminalfall im Osnabrükkischen,

enthaltend
die peinliche Anklage, das Visum repertum, Defensionsschrift und Urtel.

(Beschluß.)

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Auferlegte Defensionshandlung

Anwalds
Constituti Defensoris Dni Dris A. W. Meyer
Contra
Dominum Drem Advocatum Fisci
in Puncto eines Brudermords, den Inquisit begangen haben soll.

præs. den Iulii 1784.

Hochwohl- und Wohlgeborne Hochgebietende Herren!

Ob Hängen, Köpfen, Rädern, der Menschheit, dem aufgeklärten Mann, Schande oder Ehre gemacht; ob diese Mittel bei dem vorsezlichen sowohl als bei dem leidenschaftlichen Mörder, an sich betrachtet, gerecht und wirklich als Mittel zum Zweck angesehen werden können; ob die neuern als Lehrer der höchsten Gewalt aufgetretenen Philosophen, worunter mit Recht der Herr Landprediger Schulze, ohnweit Berlin, in der, seiner im vorigen Jahre herausgekommenen allgemeinen Sittenlehre für alle Menschen ohne Rücksicht der Religion, am Ende beigefügten vortrefflichen und in der gelehrten Welt gewiß nicht wenig Aufsehen gemachten Abhandlung von Todesstrafen einen der ersten Pläze verdient, Recht oder Unrecht haben, wenn sie dergleichen Strafen als an sich ungerecht, als gänzlich zwecklose Mittel, als eine Entehrung der Menschheit, ja selbst als einen vorsezlichen Todschlag ansehen; dieses hier zu untersuchen würde um so mehr eine wahre Geistesschwäche verrathen, weil nicht nach solchen Grundsäzen, sondern nach den annoch geltenden peinlichen Gesezen der gegenwärtie Fall beurtheilet und entschieden werden muß.

Aber wozu denn das bisher angeführte?
Antwort: - So, wie eine jede Religion in der Welt, wenn sie als Mittel zum Zwek angesehen werden und das wirken soll, was selbst die gesezgebende Gewalt mit aller Macht nicht wirken kann, das äusserliche Gepräge der Göttlichkeit an sich haben muß, und so wie diesemnächst dennoch zwischen der Religion des Staats und des einzeln Mitbürgers ein grosser, sich auch ganz wohl nach bekanten Grundsäzen reimender, Unterschied ist, sein kann, auch sein muß, wenn die Religion des Staats immer von Zeit zu Zeit aufgeklärter, besser werden, und der gemeine Mann mit seinen Begriffen über tausend und aberal tausend Jahren nicht mehr da stehen soll, wo er jetzt stehet: eben so verhält es sich auch mit den Gesezen, und vorzüglich mit den peinlichen. DIe Gültigkeit derselben, oder eigentlicher, der nächste Grund der Verbindlichkeit, ist der Wille der höchsten Gewalt. Dieser nächste Grund enthält wieder mehrere Gründe in sich, die im juristischen Wortverstande Causæ remotæ, und im philosophischen Causæ secundæ genannt zu werden pflegen, und die in Rücksicht jener als Ursach und Wirkung anzusehen sind. Die Prüfung der Ursachen und die Bestimmung der Richtigkeit des Resultats derselben, nämlich der Geseze, stehet auch dem Unterthan, dem Bürger, frei, und muß ihm frei stehen, wenn man nicht den von der weisen Vorsehung so tief in uns gelegten Trieb, nach Vollkommenheit zu streben, gänzlich und mit demselben alles künftige Gute, allen grössern Grad der Vollkommenheit der Geseze unterdrüken, zernichten und hemmen will. Diese Prüfung des Privatmannes ist aber noch kein Gesez. Aber, wenn man auch den ganz ungegründeten Saz einmal annehmen wollte, daß aus dem Inbegrif von Prüfungen vieler nachdenkenden Köpfe die peinlichen Geseze im Ganzen so wenig als in einzelnen Theilen verbessert werden sollten, so sind doch dergleichen Begriffe in dem Falle von dem größten und ausgebreitesten Nuzen wenn peinliche Geseze zweifelhaft und der Sinn derselben nicht deutlich genug ausgedrükt, oder wenn die Anwendbarkeit derselben in dem gegebenen Fall auserordentlich schwer ist, kurz, wenn auf der einen Schaale der Waage Strang, Schwerd und Rad, auf der andern Seite hingegen Leben und Freiheit liegt, und der Balke keiner Seite den Ausschlag geben will. O' wie herrlich kommen da dem Referenten, in dessen Hand nun Leben und Tod des Inquisiten stehet, jene durchdachte und immer mehr und mehr geprüfte Grundsäze zu statten. Nun wird er gewiß nicht den biblischen, aber doch im eigentlichsten Verstande blos politischen Saz:
Wer Menschenblut vergießt, dessen Blut soll wieder vergossen werden
auf dei Schaale des Todes legen und ihr dadurch das Uebergewicht geben. Nein! er wird durch jene Grundsäze der Schaale des Lebens und der Freiheit ein solches Gewicht zu geben wissen, daß der Balke sich dahin senket und stehen bleibt. Auf die Art rettet der Referent, der Urtelsverfasser, das Leben eines Menschen, und befördert dadurch das Glük einer sonst geschändeten Familie, das Glük der Kinder, der Kindeskinder und der ganzen unabsehlichen Nachkommenschaft desselben. Ja, wie leicht ist es nicht möglich. daß durch ein solches Erkänntniß eine Observanz, ja wohl gar eine Veränderung in der peinlichen Gesezgebung, besonders wo es auf den Punct von Leben und Tod ankommt, bewirkt wird, und wie angenehm muß dieser blosse Gedanke nicht schon einem aufgeklärten Mann sein, der es für sein einzigstes Glük hält, nicht allein selbst vollkommener zu werden, sondern auch in demjenigen Wirkungskreise, worinn ihn die Vorsehung gesezt hat, alles, so viel es in seinen Kräften stehet, vollkommener zu machen.

Hochwohl- und Wohlgeborne Herren!
der gegenwärtige Fall ist verwikkelter, als wie er dem ersten Ansehen nach scheint, und als wie er dem ehemaligen Advocato Fisci, nunmehrigen Herrn Kommisßionsrath Doctori Stafhorst vorgekommen ist, sonst würde derselbe seine Bitte ganz anders eingerichtet, und so wenig an die Tortur als an das Schwerd gedacht haben. Hier ist offenbar der Fall, wo erstlich wegen des wahren Sinnes der hier eintretenden peinlichen Geseze sehr, sowohl unter den alten als neuern Rechtslehrern, jedoch von diesen mit grösserer Beurtheilungs- und Lebenskraft, gestritten, und wo diesemnächst die Anwendung durch die hier eintretenden besondern Umstände noch viel schwerer gemacht wird. Kurz! hier ist gerade der Fall, wo Tod, Leben und Freiheit ein gleiches Gewicht zu haben scheinen, und wo die Anfangs angeführten Begriffe der Schaale des Lebens und der Freiheit, wo nicht einzig und allein, doch gewis einen grossen Theil der überwiegenden Schwere geben. Dieses
Hochwohl- und Wohlgeborne Herren!
ist auch die Ursache, daß untergeschriebener angeordneter Vertheidiger es für pflichtmäßig gehalten hat, pbige Grundsäze voraus zu schikken, und zweifelt derselbe denn auch nicht im geringsten daran, daß ein künftiger Herr Referent, eines theils wegen dieser Grundsäze, andern theils aus den nunmehro anzuführenden besondern und die Sache selbst näher betreffenden Gründen, dem in allen Betracht bedauernswürdigen Inquisiten Leben und Freiheit zuerkennen werde.

So wie überhaupt bei der Behandlung einer jeden peinlichen Sache das Corpus Delicti, und zwar nach allen, auch den kleinsten Umständen, auf die bestmöglichste Art in Gewisheit gesezet werden muß, ehe und bevor die Fragen:
Wer ist der Thäter? Quo animo hat er die That verrichtet? Was treten für Mitigantia sowohl überhaupt als insbesondere ein? Was muß für eine Strafe erkannt werden?
zur Untersuchung, Erörterung und bestimmten Beantwortung kommen und kommen können: eben so kömmt in dem gegenwärtigen Fall, da es konstiret, daß Inquisit seinem Bruder im Wirthshause beim Deuer einige Schläge mit der Feuerzange gegeben, und dieser ohngefähr fünf Stunden hernach gestorben, folglich das Corpus Delicti, aber doch nur, quod probe notandum, überhaupt in Gewisheit gesezt ist, es vor allen Dingen zuerst auf die Untersuchung und richtige Bestimmung der Frage an:
Enthalten die von dem Inquisiten seinem Bruder mit der Feuerzange gegebenen Schläge den wahren, einzigen und alleinigen Grund des ohngefähr fünf Stunden nachhero erfolgten Todes in sich, oder sind nicht vielmehr andere Umstände im gegenwärtigen Falle vorhanden, die als die eigentlichen Ursachen des Todes anzusehen sind, so daß die Schläge mit der Zange, und der einige Stunden darauf erfolgte Tod nicht als Ursache und unmittelbare Wirkung, sondern daß vielmehr dieselben nur als eine Gelegenheit, als eine Conditio sine qua non des erfolgten Todes anzusehen sind?

Sind die Schläge als die Causa mortis unica anzusehen: so würde ceteris paribus die auf den Brudermord gesezte Strafe statt finden. Sind sie aber nur bloß als eine occasio mortis, und, im philosophischen Wortverstande, als eine Condition sine qua non zu betrachten: so findet nur den Rechten nach eine blosse poena arbitraria de sola vulneratione statt.

L. 7. §. 6. Dig. ad Leg. Aquiliam, ubi: "Celsus aurem multum interesse dicit, occiderit quis, an mortis causam (id est occasionem seu conditionem sine qua non) præsiterit, non Aquilia, sed in factum Actione teneatur.
L. 51. eodem. Occidisse dicitur vulgo quidem, qui mortis causam quolibet modo præbuit, sed Lege Aquilia is demum teneri visus est, qui adhibita vi et quasi manu causam mortis (scilicet unicam non occasionem) præbuisset.

Und wenn gleich der Lex 15. pr. ad L. Corneliam de Sicariis hier durch folgende Worte
Nihil interest, occidat quis an causam mortis præbeat,
den vorigen beiden Gesezen zu widersprechen und aufzuheben scheint; so ist dieses doch nur bei genauerer Erwägung ein scheinbarer Widerspruch, wie dieses aus dem dem angeführten Geseze beigefügten §. 1. deutlich zu ersehen ist: denn hieraus erhellet es sattsam, daß in diesem Geseze nur de causa unica mortis, nicht aber de occasione mortis vel de conditione sine qua non die Rede ist, wie solches auch
LEYSER in Med. ad Digesta Spec. DCII. Med. IX.
aus den bündigsten Gründen darthut, auch denenselben ein Erkänntnis von der Helmstädtischen Juristenfakultät beigefüget, welches auf diese Grundsäze gebauet ist.

Ist also ein grosser Unterschied, in Rücksicht der Strafe, inter causam & occasionem mortis, wenn jemand das Unglük gehabt hat, einem andern das Leben zu nehmen; so kommt es diesemnächst ganz natürlicher Weise auf die Bestimmung
Wann ist Causa mortis und wann ist nur Occasio ejus in dato casu vorhanden?
an. Enthält ein Factum, oder deutlicher, ein dem andern am Körper zugefügter Schade (denn von andern factis com aut omissivis, wodurch der Tod eines andern verursachet wird, ist hier die Rede nicht) einen unmittelbaren Grund des wirklich, entweder kurz oder lang darauf, erfolgten Todes in sich, so daß weder dem Verwundeten oder dem Beschädigten, noch dem Medico oder dem Chirurgo, noch sonst jemanden die geringste Schuld oder Nachläßigkeit beiglegt werden kann; so ist Causa mortis vorhanden, und findet ceteris paribud die ordentliche Strafe des Todschlags nach dessen verschiedenen Qualitäten statt. Hingegen ist ein solches Factum eine solche That, ein solcher Schlag von der Beschaffenheit, daß derselbe nicht als der unmittelbare Grund des erfolgten Todes angesehen werden kann, sondern daß noch andere Mittelumstände vorhanden sind, die als die nächsten Gründe des Todes betrachtet werden können: so ist keine Causa mortis, sondern nur eine Occasio mortis vorhanden, und findet also nur eine poena arbitraria statt. Dahin gehöret, wenn der Medikus und Wundarzt zu spät herbei gerufen, und dieselben bezeugen, daß der Verstorbene, wenn er eher Hülfe bekommen, hätte beim Leben erhalten werden können; diesemnächst, wenn Medikus und Wundarzt unerfahren und nachläßig sind; drittens, wenn selbst der Verstorbene durch eine schlechte Diät oder gar durch Gebrauch schädlicher Mittel sich den Tod zugezogen hat, oder wenn endliche der erfolgte Tod einem sonstigen Versehen, oder einem von der Wunde gar nicht herrührenden und mit derselben gar nichts gemeinhabenden Zufall zuzuschreiben ist.

IOH. CHRIST.KOCH in Inst. Iuris. crim. Lib. II. Cap. XXIX. §. CCCCLIII. Nro. III.
BOEHMER ad CARPZ. QU. 26. obs. 2.
STRUV, in Dissert. crim. pag. 71.

Diese in der Natur der Sache sowohl und in positiven Gesezen gegründete als auch durch die Meinungen sowohl alter als neuer Rechtslehrer bestätigte Grundsäze zum voraus gesezt, kommt nund ganz natürlicher Weise die oben aufgeworfene Frage:
Ist im gegenwärtigen Fall eine Causa mortis oder nur eine Occasio ejus vorhanden?
in Erwägung. Hier giebt das unter dem 6ten Novembris 1783 eingeschikte, von dem Herrn Landphisikus Doctore Wehrkamp mit Zuziehung des Herrn Land- und Hofchirurgus Sergel, als beeideten Männern, aufgenommene und
sub Nro. act. 2.
befindliche Visum repertum ohne alles rechtliche Bedenken um so mehr, in Rüksicht der in facto hier eintretenden Umstände, den Ausschlag, weil eine auch nur flüchtige Durchlesung desselben genugsam zeiget. daß dasselbe mit der grösten Gegenwart des Geistes, mit wahrer medicinischer und chirurgischer Känntniß, und endlich mit unbefangener Gewissenhaftigkeit aufgesezt ist; so daß diese zween verdiente Männer die in der von dem ehemaligen Fisco übergebenen peinlichen Klage angeführten Beschuldigungen gar nicht verdienen.

Jedoch verdienen hier vorerst folgende, in Facto aliunde, nämlich aus den Akten schon klare Punkte wohlbemerkt zu werden: daß erstlich die Schlägerei ohngefähr um fünf Uhr Nachmittags geschehen; daß diesemnächst der Verstorbene, nach erhaltenen Schlägen mit der Zange, auf dem Stuhle sitzen geblieben, und nach der Aussage der Zeugen, so wenig vom Stuhle gefollen, als sonsten die geringste Betäubung an demselbten bemerket worden; daß derselbe Drittens noch Bier getrunken, und Tobak, nach wie vor, geraucht, daß man ihn, als man das Blut sahe, den Kopf mit Brantewein gewaschen, und quod probe notandum, das ganz natürliche und gute Ausfliessen des Bluts durch Asche, ind Brantwein gemenget und deren Aufdrükung auf die Wunde, gestillet und gehemmet habe; daß Viertens der Verstorbene wie er um acht Uhr aus dem Wirthshause gegangen, noch ganz vernünftig gesprochen, so daß selbst der Wirth, der ihn bis ganz aus dem Hause begleitet hat, und ihm auch bis auf den Plaz vor dem Hause, seinem eigenen eidlichen Geständnisse nach, nachgefolget ist, so wenig ein Straucheln, als wenig überhaupt eine körperliche oder Geistesschwäche an ihm bemerket hat; daß Fünftens der Vikarius Bitter ihn nicht lange hernach, nämlich zwischen acht und neun Uhr des Abends fast auf der nämlichen Stelle, wo man ihn einige Zeit nachher tod gefunden, sizend angetroffen, und weil er geglaubt, daß er aus Besoffenheit da sässe, ihm einen derben Verweis gegeben; daß man ihn endlich erst um zehn Uhr tod gefunden habe, als um welche Zeit, und nicht viel eher, wie aus demjenigen, was bishero angeführet, ganz deutlich folget, er erst, quod probe notandum, also ganzer fünf Stunden nach den mit der Zange vom Inquisiten erhaltenen Schlägen, gestorben sein muß.

Alle diese in facto vorgetragene Umstände ergiebt eine flüchtige Durchsicht der
sub Nr. act. 3. 6. & 8.
befindlichen Protocolle, weshalben eine besondere Allegation für einem künftigen Herrn Referenten ekelhaft sein dürfte.

Diese Umstände bringen schon einem ieden, der nur einigermassen den menschlichen Körper kennt, auf die Gedanken, daß die Schläge mit der Zange nicht die unmittelbare und einzige Ursache des Todes in dem gegenwärtigen Falle gewesen sein, sondern eine andere Ursache zum Tode allerdings vorhanden, folglich die Schläge mit der Zange nur bloß als eine Occasio mortis oder als eine Condition sine qua non, nicht aber als eine Causa mortis angesehen werden müssen.

Diese angeführte Vermuthung, welche, an sich betrachtet, aus den angeführten und bewiesenen Umständen schon sicher genug ist, wird gewiß zur völligen Gewisheit, wenn man auch nur mit mittelmäßiger Aufmerksamkeit die in dem gedachten Viso reperto angeführten Umstände und auf wissenschaftliche Känntniß beruhende aus denselben gezogene Gründe in Erwägung ziehet. Nach Inhalt des Visi reperti also ist

Erstlich die Ursache des, erst fünf Stunden nach den erhaltenen Schlägen, erfolgten Todes nicht in dem gedachten Viso reperto No. 1. & 2. bemerkten Wunden, sondern der durch die Schläge verursachten grossen Commotioni cerebri, als wodurch die Blutgefässe, die aus der Dura matre in das dikke Cranium gehen, zerrissen und die No. 4. bemerkte und anfänglich nicht gar groß gewesene Extravasation hervorgebracht, einzig und allein zuzuschreiben, und zwar aus dem Grunde, weil der Verstorbene nach erhaltenen Schlägen annoch Tobak geraucht und Bier getrunken, hernach und erst beim Weggehen aus dem Wirthshause über Schläfrigkeit geklagt, ferner ohne zu straucheln eine geraume Zeit nachhero auf die Strasse gegangen, und sich endlich, um auszuschlafen, an den Zaun, wo man ihn hernach tod gefunden, hingelegt hat.

Zweitens war es recht gut, daß die Wunde blutete, und allemal schädlich und als eine Ursache des Todes anzusehen, daß entweder der Verstorbene selbst, oder diejenigen, welche damals gegenwärtig, die Wunde mit Asche und Brantewein verstopften, massen dadurch juxta relationem peritorum das extravasirte Geblüt unter dem Cranio vermehret, durch den Druk desselben die Schläfrigkeit vergrössert und eine Stokkung im Cerebro entstanden ist, welche durch den Umstand, daß der Verstorbene in der kühlen Abendluft mit entblöstem Kopfe gelegen, so sehr vergrössert worden, daß die Circulatio Sanguinis vorerst im Cerebro und demnächst auch in den Lungen und Herzen gänzlich aufgehöret, so daß endlich der Tod auf eine apoplektische Art erfolgen mußte.

Drittens müssen es sowohl der Herr Landphisikus als auch der Herr Land- und Hofchirurgus gestehten, daß, wenn die Wunde gehörig ausgeblutet hätte, ferner sofort ein Aderlaß vorgenommen, und in dem Fall, wenn dieses nicht geholfen hätte, den folgenden Tag zur Trepanation geschritten wäre, der Verstorbene wahrscheinlicher Weise gerettet sein würde.

Viertens ziehen sie selbst das Resultat aus allen den vorhero prämittirten Thatumständen und erklären sich dahin, daß der erfolgte Tod für zufälliger Weise tödlich zu halten oder eigentlicher, daß die dem Verstorbenen durch das Schlagen verursachte Wunde nur als ein vulnus per accidens lethale zu nennen sei.

Vergleichet man nun mit allen diesen wahrhaften factis die oben an- und gründlich ex principiis juris prudentiæ criminalis veris ausgeführten Unterscheidungszeichen inter causam et occasionem mortis: so wird man gewiß mit sehr leichter Mühe einsehen, daß die von dem Inquisiten dem Verstorbenen zugefügten Schläge gar nicht als eine Causa, sondern hächstens nur als eine Occasio mortis angesehen werden können. Denn hier hat ja offenbar der Verstorbene der heiligen Natur selbst die größten Hindernisse durch das Zuschmieren und Verstopfen der blutenden Wunde mit Asche, die mit Brantewein feucht gemacht war, ferner daß er mit entblößtem Haupte in der kühlen Abendluft sich an die Erde legte, in den Weg gelegt, und wenn man auch ferner den leztern Umstand dem Verstorbenen nicht so sehr zur Last legen kann, ja wenn man auch das Verstopfen der Wunde demselben gar nicht imputiren will; so sind doch diese Umstände als Casus cum vulnere plane non connexos, die aber doch den Tod, nach dem Ausspruch der gebrachten kunsterfahrnen Männer, einzig und allein bewirket haben, anzusehen. Es erhellet also aus allen diesen jure sowohl als in facto an- und ausgeführten Gründen mehr denn Sonnenklar, daß im gegenwärtigen Falle Inquisit nicht Causam mortis, sondern nur Occasionem ejus durch das Schlagen verursachet habe, daß also gar kein vulnus absolute lethale, sondern nur ein vulnus per accidens lethale, vorhanden sei, und also auch die ordentliche Strafe des Todschlags und insbesondere des Brudermordes ganz und gar nicht statt finden kann.

Wollte man nun auch einmal den ganz unwahren Saz, daß nämlich im gegenwärtigen Fall ein vulnus absolute lethale vorhanden, auf eine Zeitlang als wahr annehmen; so würde denn doch in den Augen eines wahren Juristen, der die Kriminalgeseze nicht blos der Oberfläche nach kennt, sondenr der die ganze Theorie derselben vollständig inne hat, und auch die Fähigkeit neizt, solche in dem gegebenen Fall anzuwenden, noch gar kein Homicidium dolosum im gegenwärtigen Falle vohanden sein, und folglich auch die von dem Fisco gebetene Strafe gar nicht nach rechten Grundsäzen des peinlichen Rechts erkannt werden können. Bei der Ausführung dieses Sazes verdienen vorerst folgende beide Punkte

  1. Ist das gebrauchte Instrumentum, nämlich die Zange, sowohl überhaupt und in Abstracto als, quod probe notandum, in Rücksicht dieses Bauern, nämlich in Ansehung der Bestimmung, ob in gegenwärtigem Fall animus occidendi sive directus sive indirectus, oder ob nur ein blosse Culpa vorhanden sei, als ein Instrumentum absolute lethale, oder nur als ein Instrumentum per accidens lethale anzusehen? Und wenn auch der leztere Fall nicht eintreten sollte, ist denn nicht
  2. ein Homicidium, non ex subitanea rixa, sed potius ex impetu & Ira inopiniata comissum, als wovon der 137. Art. der P. H. S. O. gar nicht redet, welches also ein Homicidium culposum anzusehen, und folglich, wie annoch gezeigt werden soll, poena arbitria bestraft wird, vorhanden?

deutliche und bestimmt aus einander gesezt zu werden, und alsdenn wird sich der Schluß leicht machen lassen und es sich von selbsten ergeben, daß beide Punkte bejahend beantwortet werden müssen.

Was den ersten Punkt anbetrift, so muß man hier wohl unterscheiden und den wahren Begrif der Instrumentorum absolute & per accidens lethalium fest sezen.

Ein Instrumentum, eine Sache, die man als ein physisches Mittel zu einem gewissen Zwek und dessen Erlangung als wikrlich geschikt ansehen kann, ist entweder von der Beschaffenheit, daß es ad necandum hominem geschikt ist oder nicht. Im erstern Falle ist ein solches Instrumentum ein Instrumentum lethale in sensu generali, und von diesem ist hier die Rede nur. Ein solches Instrumentum ist entweder von der Beschaffenheit, daß es blos einzig und allein zum töden gemacht ist, auch gewöhnlicher Weise dazu gebraucht wird, oder es hat diese Qualität nicht an sich. Jenes wird ein Instrumentum absolute lethale, dieses hingegen ein Instrumentum per accidens lethale genannt. Zu jenen rechnet man Gewehre, Degen &c. zu diesen hingegen Dreschflegel, dikke Pfähle, Hammer, eiserne Standen, Feuerzangen &c.

Alsdann erst, wann es gar nicht konstiret; ob ein Animus occidendi directus aut indirectus vorhanden ist, oder ob nur blos dem Thäter eine Schuld beigelegt werden kann, suchet man die Bestimmung dieses wichtigen Sazes durch die Rüksicht auf die gebrauchten Instrumenta zu erhalten. Und hier giebt es drei Hauptfälle.

Hat der Inquisit ein Instrumentum absolute lethale gebraucht, und damit dem Ermordeten an einem solchen Theil des Körpers, den die periti partem lethalem zu nennen pflegen, verlezt: so ist ein animus occidendi directus vorhanden, und findet ceteris paribus poena ordinaria statt. Hat aber der Inquisit ein Instrumentum per accidens lethale gebraucht, so ist dieses entweder von der Beschaffenheit, daß ein jeder vernünftiger Mensch leichtlich einsehen kann, daß aus dessen Application in parte corporis lethali der Tod leicht erfolgen könne, oder es ist von der Art, daß derselbe auf die Application desselben in parte corporis lethali sehr selten erfolgt. Im erstern Falle ist animus occidendi indirectus, der auch poenam ordinariam ebenso, wie der directus, der Regel nach, nach sich ziehet, vorhanden, im leztern Fall ist nur ein Homicidium culposum begangen, und kann folglich nur eine pœna extraordinaria por Qualitate & Gradu culpae eintreten.

Was nun die rechtliche Anwendung dieser theoretischen Rechtsäze anbetrift; so ist hier der Saz erstlich in facto richtig:
Daß nach obigen auseinandergesezten Betriffen Inquisit kein Instrumentum absolute lethale gebraucht habe.
Diesemnächst ist bei der Bestimmung der Frage: 
hat Inquisit im gegenwärtigen Fall ein Homicidium dolosum aut culposum tantum modo begangen?
folgendes zu bemerken.

Man muß, so wie überhaupt, als auch in Rüksicht dieses Falles, bei der obigen Bestimmung auf Kultur und Känntnis desjenigen Individui, von dem die Rede ist, sehen, und ihm ein, an sich betrachtet, schlechtes factum, dessen Folgen er vermöge seines ganzen Gedankensistems entweder gar nicht, oder wenigstens in demjenigen Augenblik, wo er das factum begangen, nicht einzusehen im Stande war, nicht als ein factum doloso animo initum zur Last legen, sondern man muß es nur als ein culposum factum ansehen, und folglich das dadurch erfolgte Homicidium auch nur ein Homicidium culposum nennen.

Diesen in der Natur der Sache sowohl als in der generellen Theorie des peinlichen Rechts von der Imputation der, an sich betrachtet, gesezwidrigen und schlechten Handlungen höchst gegründeten Saz zum vorausgesezt, wird es gewis nun nicht mehr schwer halten, zu beweisen

daß ex adhibitione hujus Instrumenti per accidens tantummodo lethalis ejusque applicatione nur höchstens eine Culpa, keineswegs aber ein Dolus weder directus noch indirectus zu ziehen sei.

Inquisit ist kein Mann von erleuchteten Kenntlissen, Kultur und gesundem ausgebildeten Menschenverstande. Nein! er ist ein Bauer, ein Mensch, der wenig Begriffe ganz natürlicher Weise hat, und dem dieses auch gar nicht zur Last zu legen ist; ein Mensch, der ganz natürlicher Weise oft schon Schlägereien, die auf dem platten Lande unter den Bauern nicht selten bekanntermassen vorzufallen pflegen, und das nicht etwa im männlichen Alter erst, nachdem er aliunde schon gebildet, und bessere Begriffe die andern Eindrükken Widerstand thaten erhalten hat, nein, sondern von Jugend auf, von seiner zartesten Kindheit an, theils als blosser Zuschauer, theils als Interessent, vermuthlich mit beigewohnet hat; ein Mensch, der es nicht selten gesehen, daß in einem solchen Gefechte mit Flegeln, Mistgabeln, eisernen Stangen und armdikken Keulen diesem ein Arm oder Bein entzwei geschlagen, einem andern dermassen auf den Kopf gehauen worden ist, daß er sofort auf Gottes Erdboden niedergesunken, bald hernach wieder aufgestanden, und sein Gefecht entweder muthig fortgesezt, oder doch wenigstens keinen merklichen Schaden erhalten hat.

Dieser Mensch nun, dieser westphälische in seinen ursprünglichen Zustande gebliebene Bauer, der wenigstens doch, wie man sicher nach den Akten annehmen kann, einen kleinen Rausch gehabt haben muß, der auch, wie alle Bauern, ein grosses point d'honneur im Leibe hat, und der auf seine Ehre und guten Namen nach seinen Begriffen um somehr halten muste, weil er ein Untervogt, ein landesherrlicher Bedienter war, kommt nun wider alles Vermuthen in den Fall, daß ihm, just da er im Withshause mit der Feuerzange eine Kohle vom Feuer, um die Pfeife anzustekken, kriegen will, sein eigener Bruder, nicht insgeheim und im stillen, sondern in Gegenwart verschiedener ehrbarer Colonorum auf die ehrenrührigste Art angreift, daß er just seine Ehrbegierde auf das stärktste und auf die boshaftetste Art reizt, kurz, daß er ihn öffentlich für einen Hundsfott, für einen Schurken, Halunken und Erzbetrieger schilt.

Was sollte in einem ähnlichen Falle ein in Amt und Würden stehender Mann von Kultur, von feurigem Temperamente und Hize, und der bei dem allen doch noch zu wenig Erfahrung gehabt, um sich auch in diesem Falle moderat zu bezeigen, was sollte ein solcher Mann wohl thun? Freilich todschlagen wohl nicht. Aber sollte man wohl jede andere Art von geschwinder und schneller Rache einem solchen Manne übel deuten? Dieses wird gewis kein Mann, dem es nicht an Anlage, an guter Bildung und Anführung und an immerwährender Lust, über wichtige Gegenstände nachzudenken, fehlet, behaupten.

Was thut nun aber dieser äusserst beschimpfte, dieser auf die schlechteste Art an seiner Ehre, an dem Haupttriebe, dem der Trieb des Lebens in gewissen Fällen, und wenn eine Collision vorhanden, nach untergeordnet ist, angegriffene Inqusit? Er nimmt in der Hize die just in den Händen habende Zange, und versezt damit seinem Bruder, dem Schänder seiner Ehre und ehrlichen Namens, einige Hiebe. Welcher Mann, welcher Menschenkenner wird nun wohl aus dem Schlagen mit der Zange einen Animum indirectum occidendi herleiten? Welcher Jurist in der ganzen Welt, der gesunden Menschenverstand und gesunde Philosophie mit wahrer juristischer Kenntniß verbindet, wird im gegenwärtigen Falle, mit Rüksicht auf das ganze Gedankensistem des unglüklichen Inquisiten wohl zu behaupten im Stande sein, daß die Adhibition der eisernen Zange einen dolum involvire? Wird er nicht vielmehr dafür halten, daß nun blos vom Inquisiten, dem ein Flegel, eine Schaufel, eine Mistgabel, und folglich auch diese Zange und die Application derselben gar nicht aus den schon an- und ausgeführten Grundsäzen als Instrumenta per accidens lethalis vorkamen, auch unmöglich vorkommen können, ein demselben bei genauer Prüfung nicht einmal zur Last zu legendes Versehen begangen, folglich auch die unerwartete Folge desselben nur lediglich als ein Homicidium culposum angesehen werden könne? Gesezt auch, daß hier noch Zweifel eintreten, gesezt, daß die Gründe für die Existenz des Homicidii dolosi mit den Gründen des Homicidii culposi ganz parallel stünden, dieses wprde zum allerwenigsten hier der Fall sein: so lebet man der festen und sichern Hofnung, daß ein künftiger Herr Referent, statt den angeführten biblischen und blos politischen Saz auf die Schale des Todes zu legen, der Schale des Lebens und der Freiheit durch Menschlichkeit, durch durchdachte und im Anfange dieser Handlung, jedoch überhaupt und winksweise nur angeführte Grundsäze, die überwiegende Schwere geben, und sprechen werde:
Du sollst leben und nicht sterben.
Wollte man nun auch einmal wider alles rechtliche Vermuthen den Saz als wirklich wahr annehmen, daß in Rüksicht des Inquisiten die Zange und deren Gebrauch als ein Instrumentum per accidens lethale anzusehen, daß folglich animus occidendi indirectus und also ein Homicidium dolosum vorhanden, so würde doch um deswillen pœna ordinaria nicht statt finden können, weil

im gegenwärtigen Fall nicht ein Homicidium ex subitanea rixa, sed potius ex ira inopiniata commissum corhanden ist;

wohl folglich dieselben gar nicht, wie nunmehro, um die aufgeworfene zwote Frage affirmative beantworten zu können, ausgeführet werden soll, noch rechten Grundsäzen des peinlichen Rechts, eintreten kann.

Nach dem 137ten Artikel der peinlichen Halsgerichtsordnung muß ein Homicidium ex deliberato animo ac mera protervia commissum, das ist, ein vorsezlicher und muthwilliger Todschlag mit dem Rade, und zwar, wenn besondere noch dazu gravirende den Modum, die Person des Entleibten, die Blutsfreundschaft, worin er mit dem Thäter stehet, betreffende Umstände hinzu kommen, cum exasperatione entweder mit dem Reiffen mit glüenden Zangen oder mit dem Schleifen auf einer Kuhhaut betraft werden. Nach eben diesem Geseze stehet das Schwerdt auf einem Todschlag aus Jäheit und Zorn, welches aber ganz und gar in keinem Falle exasperirt wird. Kann nun aber wohl diesr Artikel der peinlichen Halsgerichtsordnung auf den Fall angewendet werden, wenn jemand ohne alles Vermuthen so sehr in Hize, durch die Schuld des andern, gesezet witd, daß er das Unglük hat, ihn durch einen unvorsichtigen Schlag tod zu schlagen? Nein! dieses gehet gar nicht an; denn erstlich redet Kaiser Karl der fünfte in dem ganzen Artikel de Homicidio doloso; ein Dolus lässet sich aber bei einem Homicidio ex ira gravi & ab adversario non pedetentim sed in uno temporis momento excitatat commisso ganz und gar nicht gednken. Es muß also die obige Frage in thesi mit Nein beantwortet werden.

LEYSER in M. ad Dig. Spec. 601. Med. 8. & 9.
KRESS ad Art. CCC. 137. §. 2. Nro. 4.
HERTIVS in Deciss. D. 352. & 448. Resp. 241.
LAVTERBACH De Ira. Thesi 35. seqq.

Was nun die Bestimmung dieser Frage in hypothesi, oder deutlicher, die Anwendung der vorausgeschikten Rechtssäze auf den gegebenen Fall anbetrift: so erhellet es schon aus demjenigen, was man so eben bei Gelegenheit der Begriffe von den Instrumentis absolute & per accidens lethalibus, und bei deren Anwendung, angeführet hat, daß Inquisit offenbar den Schlag, oder die Schläge, mit der Zange nicht ex subitanea rixa & exacerbatione animorum, sed poitus ex ira & impetu Adversarii & confestive in uno quasi temporis memento excitata gethan habe. Er kann also auch aus diesem Grunde, wenn auch die andern Gründe gar nicht einmal im Mitten wären, einzig und allein, nach den vorausgesezten Grundsäzen des peinlichen Rechts, nicht mit der pœna ordinaria bestraft werden.

Ob nun gleich constitutus Defensor mit guten Gewissen schliessen, den in der peinlichen Anklage angeführten Gründen einen generellen Widerspruch entgegen sezen, und ganz geruhig einen richterlichen Ausspruch erwaten könnte: so will er doch, um in einer so wichtigen Sache seiner Pflicht auf die bestmöglichst vollkommenste Art ein Genüge zu leisten, umd um einem künftigen Herrn Referenten die ihm etwa bei Durchlesung der gegenseitigen peinichen Klage gegen den Inquisiten ausstossende Zweifel gänzlich zu benehmen, das wahre Seichte und gänzlich Hinfällige der ex adverso vorgebrachten Gründe annoch, so kurz wie möglich, darthun.

Der peinliche Ankäger sezet die Gewisheit des Corporis Delicti mit deutlichen Worten nach deschehener Geschichtserzählung zum voraus. Thorheit; elender, erbärmlicher Begrif vom Corpore Delicti. Ein Corpus Delicti ist da nur vorhanden, wenn das begangene factum als die ganz alleinige und unmittelbare Wirkung eines andern, an sich betrachtet, strafbaren facti anzusehen ist &c. (*) Z. E. Man findet einen Mann tod, man öffnet ihn und siehet, daß er einen oder zween Stiche mitten durch die Herzkammer bekommen hat. Hier kann man gleich den Schluß machen, daß er, wenn nicht Praesumtiones einer Selbstentleibung eintreten, von jemand durchboret, und an diesem Stiche wirklich gestorben sei. Hier ist aber der Fall gar nicht. Hier ist die Verblutung gehemmt, und diese Hemmung des Bluts sowohl als das Liegen mit entblößtem Kopfe in der kühlen Abendluft sind die wahren Ursachen des Todes, wozu die Schläge nur die erste Gelegenheit gegeben haben. Es fällt also ganz natürlicher Weise der erste Hauptgrund der peinlichen Anklage nach rechten Grundsäzen von selbsten übern Haufen.

(*) Siehe die Theorie.

Diesemnächst ist Advocatus Fisci der rechtlichen Meinung, daß Inquisit seinen Bruder wenigstens animo indirecto & doloso ermordet habe. Gewis eine wunderbare Meinung. Wir wollen die Gründe derselben einmal beleuchten.

Erstlich, weil es plene bewiesen wäre, daß er ihn mit der Zange geschlagen. - Gut! aber was folget daraus? Nicht einmal, nach dem klaren Inhalt des Visi reperti, daß die Schläge mit der Zange den unmittelbaren Grund des Todes in sich enthalten. Wie kann denn, um des Himmels willen, der Fiscus einen solchen Gedankenabsaz haben und das blosse Schlagen mit der Zange als einen Grund eines Animi occidendi indirecti oder dolosi ansehen? Das mag einsehen, wer da will. Constitutus Defensot kann es nicht, und ein künftiger Herr Referent wird es gewis auch nicht können. Transeat ergo.

Zweitens, weil Inquisit als ein rachgieriger Kerl bekannt wäre, auch der Wirth Brune deponiret, daß er ihn immer als einen gefährlichen Kerl gescheuet habe. - Um Gottes Willen, was für ein Grund für die wirkliche Existenz des Doli sive animi occidendie indirecti. Dieser Dolus sive animus occidendi indirectus ist so sehr in den Augen eines Kriminalisten der Praesumtion zuwider, daß, wenn auch jemand, der bereits schon einen andern dolose ermordet, Gratia Principis begnadigt ist, und wiederum von neuem das Unglük hat, jemanden zu ermorden, bei der Bestimmung der Frage:

utrum Dolus indirectus an culpa in dato casu vorhanden sei?

gar kein Argument pro Dolo indirecto aus der vorhergehenden Mordthat genommen werden kann.

Drittens, sagt der Fiscus, wäre auch aus dem Grunde animus occidendi indirectus vorhanden, weil Inquisit offenbar in re maxima illicita versiret sei, und weil er es gar nicht glaube, daß der Erschlagene den Wortstreit zuerst angefangen habe. - Diese lezte Vermuthung ist falsch, und auch gar nicht bewiesen, man mag auch die abgehaltenen Protokolle so genau durchsehen wie man will, und was die Versation in re illicita und die Moral, die Fiscus dem Inquisiten bei seinem Schreibtische mit kaltem Blute und völligem Nachdenken giebt, betrift: so hat man diesen Punkt und die gänzliche Unerheblichkeit bei dem Beweise, daß im gegenwärtigen Falle ein Homicidium, wenn es, quod probe notandum, auch so, quod tamen negatum fuit & adhuc negatur, in Ansehung des Inquisiten zu nennen wäre, non ex subitanea rixa sed potius ex Ira & impetu & in uno tantummodo momento a Mortuo concitata perpetratum vorhanden sei, folglich poena ordinaria ganz und gar nicht statt finden könne, auf das deutlichste gezeiget, und will sich dahero, der Kürze wegen, nur darauf beziehen.

Viertens, weil Inqisit die Zange bei der Spize angefasset, und dem Verstorbenen zu verschiedenenmalen damit auf den Kopf geschlagen. Wiederum ein sonderbarer Grund. - Entweder das Schlagen ist im Zorn, im plözlich entstandenen Zorn geschehen oder nicht. Im ersten Fall ist nach den schon angeführten Grundsäzen doch nur ein Homicisium culposum vorhanden, und im andern Falle kann dieses factum, weil dadurch gleichfalls angeführtermassen der Tod nicht unmittelbar verursachet worden ist, auch nicht anders als ein Homicidium culposium angesehen und bestraft werden. Es kmmt also auf die Anfassung der Zange und auf die Zahl der Schläge gar nicht an, auch gar nicht, wie schwer die Zange gewesen; womit denn auch der fünfte vom Gegentheil angeführte Grund seine völlige Abfertigung erhält.

Diese fünf Gründe des ehemaligen Advocati Fisci sind also gründlich widerlegt. Nun müsten zwar noch wohl die den Gründen nachgeschikte und gewis ganz mühsam, theils aus den römischen Gesezen, theils aus der peinlichen Halsgerichtsordnung, theils aber auch aus verschiedenen Auctoribus, gesuchte Rechtssäze berühret, und deren gänzliche Unanwendbarkeit auf den gegenwärtigen Fall dargethan werden. Dieses würde aber gewis um so mehr überflüßig und gänzlich unnüz sein, weil erstlich die gänzliche Unanwendbarkeit dieser Rechtssäze sich von selbsten deutlich und klar genug einem wahren praktischen juristischen Auge darlegt, und weil diesemnächst diese Unandwendbarkeit schon aus den gleich im Anfang diese Handlung vorgetragenen Rechtsgrundsäzen auf das deutlichste folgt, und mit leichter Mühe hergeleitet werden kann. Man beruft sich also auf dieselben statt einer besonderen Widerlegung.

Ob endlich Inquisit damals, als er den unglüklichen Schlag gethan, betrunken gewesen sei oder nicht, darauf kommt es, wenn man nur mit einiger Aufmerksamkeit diese Handlung durchlieset, gar nicht an, indem an- und ausgeführtermaßen genug sonstige Gründe vorhangen sind, weswegen die ordentliche Strafe nicht erkannt werden kann. - Aber, gesezt auch einmal den Fall, es wären dergleichen Gründe nicht vorhanden, wie will der Gegentheil den negativen Saz, daß Inquisit gar nicht betrunken gewesen ist, darthum? Aus dem Umstande, daß er nicht gestrauchelt, und daß er an dem Tage nicht viel Brantewein getrunken habe, erhellet es noch nicht, daß er nüchtern gewesen; zumalen es in facto richtig ist, daß er an dem Tage stark Tobak zwischen dem Brantewein geraucht, und diesemnächst es auch gar nicht unbekannt ist, daß davon leichtlich die größte Verwirrung im Kopfe entstehen kann. Doch dieser Umstand, weil er nur einen Nebengrund enthält, braucht nicht weiter hier auseinander gesezt zu werden.

Das allerdrollichste bei der ganzen peinlichen Klage ist, daß der ehemalige Fiscus bittet, den Inquisiten mittelst des höchsten Grades der Tortur zum Bekänntniß anzuhalten. - Dieses widerspricht ja dem Begrif der Tortur ganz und gar. Denn die Tortur ist ein auserordentliches Mittel, den Beweis der That durch das eigene Geständniß des Inquisiten mittels körperlicher Schmerzen hervor zu bringen. Dieses eigene Geständniß des Inquisiten ist aber in dem gegenwärtigen Fall gar nicht nöthig, weil es schon bewiesen ist, daß er seinen Bruder wirklich mit der Zange geschlagem

MEISTER in Inst. Iur. crim. Sect. III §. 659. Not. a. Art. 67. & 69. CCC.
KRESS ad Art. 16. CCC.

Und eines theils aus dieser Ursache, andern theils aus andern hier nicht anzuführenden Gründen, kann die peinliche Frage ja nicht einmal die territion sive sit verbalis sive realis eintreten. Transeat ergo hoc petitum.

Nunmehro entstehet endlich endlich ganz natürlicher Weise die Frage:
Mit was für einer Strafe ist der Inquisit zu belegen?
hier ist erstlich zu erwegen, daß, weil im gegenwärtigen Fall, an- und ausgeführtermassen nur ein Homicidium culposum vorhanden ist, nur eine pœna arbitraria erkannt werden kann, und diese könnte höchstens eine jährige Zuchthausstrafe sein, zumalen da der Grad der Schuld auserordentlich klein ist. Erwäget man diesemnächst, daß

  1. Inquisit beinahe ein ganzes Jahr in einem finstern Kerker geschlossen gesessen, daß er
  2. in dem vorigen harten WInter allezeit in diesem Gefängnisse, alles seines Bittens und Flehens ohnerachtet, hat müssen sizen bleiben, so daß ihm Hände und Füße gänzlich verfroren sind, daß ferner
  3. Diese Inquisitionssache wenigstens in einem Vierteljahr hätte können geendiget werden; daß endlich
  4. Dieses fast jahrlange Sizen in einem solchen kalten und ungesunden Loche um so mehr schon als eine Strafe, die dem Vergehen völlig gleich anzusehen ist, weil die Gefängnisse nach vernünftigen Begriffen nur als ein Aufbewahrungmittel des Inquisiten angesehen werden müssen, folglich als eine auserordentliche Härte in dem gegenwärtigen Fall vorgegangen ist, die dem Inquisiten allerdings den Rechten und der Billigkeit nach zu statten kommen muß:

so findet bei allen diesen Umständen nicht einmal eine jährige Zuchthausstrafe statt, sondern es muß der Inquisit sofort ohne alles Bedenken seiner Ketten und Banden entlediget und auf freie Füsse gestellet werden, und darum werden Ew. Hochwohl- und Wohlgeboren von subskibirten Defensore aus den in Iure & facto, cum contradictione generali specialiter forsan non tactorum angeführten Gründen gebeten. Desuper &c.

A. W. Meyer, Dr.
Stute, Proc.

Recessus inrotulatorius
von dem 17. Julii, 1784

Dr. Meyer Nomine absentis Procuratoris Stute inrotulirte Acta bona fide pro completis, beriefe sich auf die unter dem 12ten Iulii a. c. übergebene Defensionsschrift; fügte ausserdem noch hinzu, daß, wenn Inquisit, der mit seiner noch lebenden Frau viele Kinder hätte, die dieselbe schon seit einem Jahre hätte allein mit ihrer Händearbeit ernähren müssen, und es ferner nicht mehr in ihren Kräften stünde, solches thun zu können, zumalen, da derjenige Bauer, in dessen Kotten sie wohnten, und dem sie in der herannahenden Erndte helfen müsten, ihr schon deklariret hätte, daß, wenn ihr Mann nicht vor der Erndte wieder loß käme, sie den Kotten räumen sollte, auch nur in eine halbjährige Zuchthausstrafe verdammt würde, dessen Ehefrau und Kinder dadurch gänzlich unglüklich gemacht und an den Bettelstab gebracht würden, und bat endlich, auch aus diesem Grunde Mitleiden mit diesem Inquisiten und dessen Frau und Kindern zu haben, und mit dem fordersamsten so zu erkennen, wie in der unter den 12ten Iulii übergebenen Defensionsschrift gebeten worden.

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Urtel.

In Sachen hoher Landes Obrigkeit Fiskalischen Anwaldes Klägern eines wider den Untervogt Jürgen Henrich Berstermann zu Borglohe Beklagten andern Theils wird von Uns zur Hochfürstlichen Kanzelei verordnete Vizikanzler, Vizedirektor und Räthe für Recht erkannt:

Daß der Beklagte wegen der seinem Bruder Balz Berstermann mit der Zange über den Kopf gegebenen Schläge und dessen dadurch erfolgten Todes zwar vorkommenden Umständen nach mit der Todesstrafe zu verschonen. Gleichwohl zu dem ohne sein Verschulden bereits erlittenen längern Gefängniß annoch mir einer fünfjährigen Zuchthausstrafe zu belegen, auch zu Entrichtung der auf diese Inquisition ergangenen Unkosten schuldig sei. Wie derselbe hiemit zu solcher Strafe verdammet und in die Kosten verurtheilet wird. V. R. W.

J. B. Hartmann. J. C. Gruner. F. W. Dyekhoff.

Aus: Leipziger Magazin für Rechtsgelehrte, herausgegeben von C. A. Günther und C. F. Otto. Dritter Band. Leipzig, 1786. S. 110ff

Es folgt eine Rezension der Berichterstattung.

139.

Der Brudermörder ein sich hier im Lande im vorigen Jahre ereigneter und in diesem Jahre entschiedener Kriminalfall, enthaltend die peinliche Anklage, das visum repertum, Defensionsschrift und Urthel. Nebst einer Theorie von der Tortur, in welchen Fällen und wie fern nämlich dieselbe als ein Mittel zum Zweck angesehen werden kann. Von August Wilhelm Mayer, b. R. D. bei hochfürstl. osnabrückischer Justizkanzlei immatrikulirter Advokat, des löblichen Magistrars der Neustadt Osnabrück Sekretarius und des Gerichts der Neustadt Aktuarius. Osnabrück 1784. 62. S. in 8.

Die sechs erste Blätter dieser Abhandlung enthalten eine Theorie von der Tortur, welche der Hr. Verf. jedoch einigermassen eingeschränkt annimmt. Diese Theorie ist in der That das elendeste, magerste und überflüssigste Gerippe, und deswegen auch unter aller Kritik. Alles Gute und Nützliche, was noch darinn vorkömmt, ist von vielen andern, z. B. von Sonnefels, Zaupser, Iselin, Globig [Sch]uster, Servin, Siardi, u. a. m., weit schöner, gründlicher und vollständiger, als dier geschieht, gesagt worden. S. 5. dieser Theorie wird eine Definition vom Corpus Delicti geliefert, die ihrer Seltenheit wegen verdient, ausgehoben zu werden: "Ein Corpus Delicti, sagt der Verf., ist meinem Dafürhalten nach, nichts anderes, als ein Innbegriff solcher Thatumstände, von deren wirklichen Existenz ich erstlich auf die Existenz eines Verbrechens, worauf entweder die Todesstrafe, oder eine harte Leibesstrafe stehet, mit der allergrößten Gewißheit und demnächst auch, daß dieser oder jener der wirkliche Thäter sey, mit mathematischer Gewißheite schließen kann." Welch Meisterstück einer logisch-richtigen Definition! Also gehöret zur Gewißheit des Verbrechens auch der mathematisch-richtige Schluß, daß dieser oder jener der Urheber desselben sey? kann man nicht die Gewißheit eines verübten Todtschlages, Kindermordes, Diebstahles, u. d. gl. haben, ohne mit mathematischer Gewißheit gleich auf den Thäter schließen zu können? Rez. wollte Hrn. M. gerne verzeihen, wenn er der erste wäre, der den Begriff des Corpus Delicti zu bestimmen wagte. Wenn man aber solchen Quark in einem Zeitpunkte lesen muß, wo die großen Kriminalisten Koch und Quistorp in den Händen jedes Schülers sind, so läuft auch dem grösten Phlegmatiker die Galle über. S. 12-15. bemüht sich der Verf. die zu Halle in dem Jahre 1783. unter dem Vorsitze des Hrn. Professors Woltär von Georg Frid. Lamprecht vertheidigte Dissertation: Analecta de tortura, zu widerlegen. Rez. dachte bei Gegeneinanderhaltung beider Abhandlungen: manisses melius, chare Mayere domi. S 15-30. kömmt die peinliche Anklage des Fiskals gegen den Brudermörder und das über diese That angestellte visum repertum vor; aus welchen beiden Stücken der geneigte Leser die hie und da zerstreut liegende Geschichte selbst auszuklauben, sich gefallen lassen muß. Das Wesentliche besteht darinn: der Landphysikus und Chirurgus attestiren, daß die vom Untervogt Jörgen Berstermann seinem Bruder mit einer eisernen Feuerzange auf dem Kopfe zugefügten 3 Wunden, woran er 5 Stunden darnach verstorben, wegen nicht versuchter Hilfe der Kunstverständigen, und verkehrten Wundenbehandlung der Bauern zufälliger Weise tödtlich seyen. Bei diesem Zeugnisse glaubte Hr. M. so vielen Stof zu finden, daß er kein Bedenken getragen, in seiner Vertheidigungsschrift auf nichts weniger, als die gänzliche Freisprechung des Inquisiten anzutragen. Die Defensionsschrift ist ein Innbegriff aller Fehler, die einen Schriftsteller bei derlei Ausarbeitungen zu Schulde kommen können. An einer einsichtsvollen Geschichtserzählung und kernhaften Auszug aus den Untersuchungsakten fehlt es ganz; hingegen wird der Leser mit eckelhaften Wiederholungen bewirthet. Von dem ganz unpassenden Hinweisen auf Rechtslehrer, der erbärmlichen Schreibart, der äussersten Armuth an allem, was literarisch heissen kann, dem läppischen Eingang, welchem nichts fehlt, als daß Hr. M. nach dem altmodischen Schlendrian mit dem Psalmisten David geseufzet hätte:

Herr! löse die Gefangenen. Ps. 46. V. 17. und was derlei Schnurren mehr sind, will Rez. gar nicht gedenken. Wenn Hr. M. Rezensentens Rath folgen wollte, so würde er noch vor 3 Jahren als Schriftsteller in peinlichen Sachen nicht einmal vor Gericht (geschweige vor dem ganzen Publikum in einer Druckschrift) erscheinen. Er würde sich vor allem Herrn Kanzlers Koch Anleitung zu Defensionsschriften kaufen, und sich nach diesem Muster bilden, seine verfertigten Arbeiten einem Manne, der es versteht, zur Verbesserung geben. Nach einer solchen 3jährigen Uibung könnte er etwa vor Gericht, aber ja nicht mit einer Druckschrift, erscheinen, und gedultig abwarten, bis ihm kompetente Kunstrichter freundschaftlich eröfneten, ob er Anlage habe, jemals vor dem Publikum als Schriftsteller auftretten zu können. - Der Inquisit ist zu einer 5jährigen Zuchthausstrafe verdammt worden. Rez. zweifelt nicht, daß die Entscheidungsgründe des Richters dem Verbrecher durch ihr Gewicht das Leben gerettet haben, dann dem Defensor hätte der Inquisit gar wohl zurufen können: causam sat bonam male defendisti.

Aus: Vollständige Anzeigen und unpartheiische Beurtheilung der neuesten juristischen Literatur für das Jahr 1784. Dritter Theil. Herausgegeben in Gesellschaft verschiedener Rechtsgelehrten von Franz Joseph Hartleben, Mainz, 1786. S. 471ff