Geschichte der Säuglingspflege - Karin Bergstermann

Die Haarer ist Schuld!

Oder etwa nicht?

So will er Steine erweichen ..., Hanns Sylvester Stürgkh, 1940Wer sich auch nur ein bisschen mit der Geschichte der Erziehung beschäftigt, um heraus zu finden, warum wir so erziehen, wie wir erziehen, oder warum wir so erzogen wurden, wie wir erzogen wurden, der kennt den Namen Johanna Haarer.

Johanna Haarer war Ärztin und Autorin von Erziehungratgebern. Diese waren nicht nur Bestseller im Dritten Reich, sondern sind auch noch bis weit in die 1980er Jahre hinein verlegt worden. Es ist offensichtlich, dass Johanna Haarer und ihre grausamen Erziehungsregeln viele Mütter beeinflusst haben. Doch wir kennen den Namen Haarer nicht wegen ihrer eigenen Bücher, sondern wegen des Buchs, das über sie geschrieben wurde.

Die Soziologin Sigrid Chamberlain hat sich in ihrem Werk "Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind" intensiv mit Haarer auseinandergesetzt. Es ist ein äußerst lesenswertes Buch. Jedoch war es leider lange Zeit das einzige derartige Buch auf dem Markt. Wann immer jemand heute fragt, "Warum sind wir so kinderfeindlich? Seit wann ist das Kind der Feind?", kann man daher darauf wetten, dass jemand antwortet "Die Haarer ist Schuld!".

Es ist ja schön, einen Sündenbock zu haben, doch damit macht man es sich viel zu einfach. Weder hat Johanna Haarer die "NS-Erziehung" erfunden (wenn man überhaupt von einer solchen reden kann), noch war sie die einzige, die diesen Erziehungsstil gepredigt hat. Im Gegenteil bliesen alle Erziehungsratgeber der NS-Zeit in dasselbe Horn. Und das waren nicht wenige. Zu keiner Zeit zuvor wurden so viele Erziehungsratgeber veröffentlicht wie zur NS-Zeit. Die Frage, woher dieser Erziehungsstil kam, bleibt bei Chamberlain jedoch offen.

Reicht es, einen zugegebenermaßen erfolgreichen Ratgeber zur Grundlage der Diagnose zu machen? Was ist mit Kindern anderswo, die mit ähnlichen Parolen großgezogen wurden?

Miriam Gebhardt, "Die Angst vor dem kindlichen Tyrannen"

Ich lebe in England. Wenn ich hier frage "Seit wann ist das Kind der Feind?", bekomme ich als Antwort "Victorian times". Das ist zwar auch nicht die eine wahre Antwort (gibt es die überhaupt?), aber es kommt der Wahrheit schon näher als "seit Haarer und den Nazis".

Als Viktorianisches Zeitalter bezeichnet man die Zeit der Regierung von Queen Victoria in Großbritannien (1837-1901). In diese Zeit fällt auch die Industrialisierung, die die Lebensumstände der Menschen massiv veränderte. Ebenso in diese Zeit fallen bedeutende medizinische Fortschritte und eine verbesserte Hygiene. Das war nicht nur in Großbritannien so, sondern auch bei uns.

Vor allem die medizinischen Fortschritte hatten Einfluss auf die Kindererziehung. So war beispielsweise mit Entdeckung der Viren klar geworden, dass Krankheiten nicht gottgegeben, sondern vor allem vermeidbar waren. Daraus entwickelte sich mit der Zeit die Pflicht zur Krankheitsvermeidung. Dein Kind ist krank? Du bist eine schlechte Mutter!

Die Erziehung diente damals in erster Linie der körperlichen und geistigen Gesundheit der Kinder. Darum waren es auch hauptsächlich Ärzte, die Erziehungsratgeber schrieben. Die Regeln für die Kindererziehung wurden mit den Fortschritten in der Medizin immer strenger. Es entstand ein regelrechter Kontrollwahn. Alles sollte messbar und machbar sein.

Im Deutschen Kaiserreich (1871-1918) kam dann der endgültige Umschwung. Der Ton in den Erziehungsratgebern änderte sich zu dieser Zeit drastisch. Er wird gebieterisch und distanziert. Begriffe wie "Affenliebe" und "Tyrann", die später Johanna Haarer benutzt, fallen auch jetzt schon. So beispielsweise bei Walther Kaupe 1907: "Wir dürfen nicht den Eigenwillen des Säuglings zu unserem Tyrannen werden lassen, und jede Mutter, die dies aus einer gewissen Affenliebe heraus täte, würde ihrem Kindchen nicht nur, wie besprochen, körperlich schaden, sondern auch vor allem seinem Charakter eine Richtung geben, deren sie später nicht wieder Meister zu werden vermöchte und die dem jungen und selbst erwachsenen Menschen nur Leid, Gegner und Ärger zuführen würde." (Der Säugling - seine Ernährung und seine Pflege, S.109f)

Es stimmt, dass solche Ansichten dem menschenverachtenden Weltbild der Nazis entsprachen. Sie haben diesen Erziehungsstil unterstützt und zementiert. Seine Verbreitung wurde politisch gefördert. Mütterberatungsstellen, Krankenhäuser und Ämter händigten Schriften an junge Mütter aus und verbreiteten die aus heutiger Sicht fürchterlichen Pflege- und Erziehungsregeln. Das hat mit Sicherheit noch bis heute Einfluss auf die deutsche Kinderfeindlichkeit. Doch auch in anderen Ländern kämpfen Mütter gegen das, was hierzulande häufig als NS-Erziehung bezeichnet wird, denn der Ursprung liegt eben nicht bei Haarer und den Nazis.

Wo ist das Problem?

Einige Leute benutzen Johanna Haarer und die Nazis als Erklärung dafür, warum sie gewisse Erziehungsmethoden ablehnen. Sicherlich wollen sie nur aufklären und andere vor Schaden durch diese Methoden bewahren. Doch abgesehen davon, dass es schlichtweg inkorrekt ist, habe ich aus zwei Gründen ein großes Problem damit, wenn Dinge wie Schlaflernprogramme, feste Stillzeiten oder ähnliches als "Nazi-Methoden" bezeichnet werden.

  1. Es macht aus einem Elefanten eine Mücke.
    Wenn diese Art mit Babys umzugehen reine Nazi-Methoden wären, wäre es relativ einfach gewesen, sie nach 1945 wieder los zu werden. Der Rest der Welt hätte "uns" diese Flausen schon ausgetrieben, und Bücher wie das von Johanna Haarer wären nicht mehr verlegt worden. Keiner der Allierten war jedoch schockiert darüber, wie grausam die Deutschen mit ihren Kindern umgingen, denn die meisten von ihnen haben es nicht viel anders gemacht. Es war und ist ein geläufiges Weltbild!
  2. Niemandem ist mit dem Nazi-Vorwurf geholfen.
    Aus welchen Gründen auch immer sich Eltern entscheiden, veraltete Methoden anzuwenden (Überzeugung, Unwissenheit, Druck von außen etc. pp.) sie tun es garantiert nicht, um ihren Kindern zu schaden! Vielmehr tun sie es, weil sie denken, es sei richtig oder notwendig. Wenn sie dafür so massiv angegriffen werden - und mit Nazis verglichen zu werden, ist ein massiver Angriff - werden sie wohl kaum offen für andere Ansichten oder Vorschläge sein. Diese Eltern wenden sich ab und man hat sie verloren. Ihr Kind hat eine Chance auf Änderung verloren. Mum-Shaming ist nie hilfreich, sondern verhärtet nur die Grenzen!

Nicht einmal die Menschen im Dritten Reich haben diese Methoden angewendet mit dem Zweck "Kanonenfutter zu züchten" oder "die Kinder ihren Müttern zu entfremden". Es mag schwer zu glauben sein, doch wollten auch diese Eltern nur das Beste für ihre Kinder. Wir sind heute in der Position, dieses "Beste" als inhuman und inakzeptabel erkannt zu haben. Im Nachhinein lässt es sich leicht (ver-)urteilen, doch damals war das hochmodern und wissenschaftlich. Und nicht nur für Deutschland, das möchte ich wiederholen!

Heute haben wir es einfach. Wenn wir etwas anzweifeln, gehen wir online und informieren uns. Wir können uns Gleichgesinnte suchen und uns unser eigenes Dorf bauen, welches man ja bekanntermaßen braucht, um ein Kind groß zu ziehen. So etwas war den Müttern damals nicht mal ansatzweise möglich und der gesellschaftliche und familiäre Druck war um ein Vielfaches größer als heute.

Was nun die Eltern von heute angeht, die diese veralteten Methoden anwenden, ist "anzweifeln" das Schlüsselwort. Gewisse Erziehungsmethoden sind so in unserer Gesellschaft verankert, dass viele gar nicht darüber nachdenken oder ihre eigenen Zweifel als unsinnig abtun. Wenn man das ändern will, muss man die Eltern dort abholen, wo sie stehen, einfühlsam sein und sachlich aufklären. Mit der Haarer und den Nazis um sich zu schmeißen ist keine Aufklärung. Das ist eine Beleidigung.